Faser & Wolle
Alpakawolle: Warum die Faser so besonders ist
Alpakawolle hat einen Ruf: weich, leicht, wärmer als alles andere und obendrein hautfreundlich. Vieles davon stimmt, manches ist Marketing. Dieser Beitrag trennt beides. Du erfährst, was die Faser wirklich kann, woran du gute von mittelmäßiger Qualität unterscheidest und wo die gängigen Wärme-Versprechen zu hoch greifen.
Was Alpakawolle ausmacht
Drei Eigenschaften erklären den größten Teil des Hypes. Die Faser ist fein, sie enthält kein Wollfett, und sie isoliert gut bei geringem Gewicht. Ein einzelnes Alpaka liefert pro Jahr etwa 2,3 bis 4,5 kg Faser. Spitzentiere bringen es auf rund 7 kg Gesamtvlies, wovon etwa 3 kg in guter Qualität verwertbar sind. Peru, das Ursprungsland, produziert jährlich rund 5.000 Tonnen Alpakafaser. (Wikipedia „Alpaca fiber“; Verbandsangaben)
Feinheit ist eine Frage der Mikron
Wie weich sich eine Faser anfühlt, hängt vor allem von ihrem Durchmesser ab, gemessen in Mikrometern (µm). Je dünner, desto weicher, und desto weniger kratzt sie. Gemessen wird objektiv per Gerät (OFDA), nicht nach Gefühl. Im Handel haben sich grobe Feinheitsklassen eingebürgert:
| Klasse | Durchmesser | Eignung |
|---|---|---|
| Royal / Ultrafein | unter 19 µm | direkt auf der Haut, edelste Stücke |
| Baby / Superfein | 20 bis 23 µm | Schals, feine Pullover |
| Fein | 23 bis 26 µm | Strickwaren |
| Medium | 26 bis 29 µm | Outerwear, Decken |
| Kräftig | über 32 µm | Filz, Teppiche |
Ab etwa 25 bis 30 µm bildet die Faser einen Markkanal aus, wird gerade und beginnt zu kratzen. Ab da taugt sie eher zum Filzen als zum Stricken. Ein wichtiger Punkt für Züchter: Die Feinheit lässt mit dem Alter nach. Ein junges Tier liefert sein feinstes Vlies, danach wird die Faser Jahr für Jahr etwas gröber. (NEAFP; LFI-Broschüre 2020)
Huacaya oder Suri
Es gibt zwei Vliestypen. Das Huacaya ist der Klassiker: stark gekräuselt, steht vom Körper ab und gibt dem Tier sein plüschiges Aussehen. Über 90 Prozent aller Alpakas weltweit sind Huacayas. Das Suri ist seltener, nur rund 7 Prozent, und sieht völlig anders aus. Die Faser kräuselt sich nicht, sondern hängt in glatten, glänzenden Locken herab, fast wie Dreadlocks.
In Zahlen: Huacaya-Faser liegt im Mittel bei 22,95 µm mit kräftiger Kräuselung (45 °/mm) und rund 70 mm Stapellänge. Suri ist mit 24,71 µm minimal gröber, dafür glänzender, kaum gekräuselt (17 °/mm) und mit 120 mm deutlich länger im Stapel. Suri wächst auch schneller nach, 12 bis 20 cm im Jahr gegenüber 8 bis 13 cm beim Huacaya. (Frontiers in Animal Science 2023; Faserstudie Pinares)
Hypoallergen, weil kein Lanolin drin ist
Schafwolle enthält Lanolin, ein Wollfett, auf das viele Menschen mit Juckreiz reagieren. Alpakafaser kommt praktisch ohne dieses Wollfett aus. Das ist der Hauptgrund, warum sie als hypoallergen gilt und sich für viele auch direkt auf der Haut tragen lässt. Dazu kommt die Schuppenschicht: Sie ist mit rund 0,4 µm flacher als die etwa 0,8 µm der Schafwolle, was den weicheren Griff und das geringere Kratzen erklärt. (Wikipedia „Alpaca fiber“; SEM-Messungen)
Ein Detail, das oft falsch behauptet wird: Trotz der glatteren Schuppen filzt Alpaka nicht weniger als Schafwolle. Im Labortest filzte sie sogar etwas stärker. „Weicher und weniger kratzig“ stimmt also, „filzt kaum“ nicht. (Liu & Wang 2007, Textile Research Journal)
Wärmt sie wirklich so viel besser?
Hier wird im Handel am meisten übertrieben. Ein Teil der Fasern ist medulliert, enthält also einen luftgefüllten Kanal, der isoliert. In der einzigen sauberen Vergleichsmessung hielt Alpakavlies tatsächlich besser warm als Merino-Schafwolle, um rund 20 Prozent. Das ist ein echter, messbarer Vorteil. (Soroko et al. 2019, Veterinarski arhiv)
Was du dagegen mit Vorsicht lesen solltest: Aussagen wie „30 Prozent wärmer“ oder „sieben Mal wärmer als Schafwolle“. Dafür gibt es keinen Beleg. Der reale Vorteil liegt eher darin, dass die Faser bei gleicher Wärmeleistung leichter ist und sich trockener anfühlt. Sie nimmt mit etwa 8 Prozent nur halb so viel Feuchtigkeit auf wie Schafwolle und transportiert sie nach außen. (Textil-Faserkennwerte)
Vom Vlies zum Garn
Nicht jede Stelle des Tieres liefert die gleiche Qualität. Das beste Stück ist das „Blanket“, die Faser über Rücken und Flanken. Sie ist am feinsten und gleichmäßigsten. Hals und Oberschenkel sind zweite Wahl, Bauch und untere Beine die gröbste dritte Qualität. Nach der Schur wird das Blanket von Hand gesäubert, das nennt man „Skirting“: Grannenhaare und Pflanzenreste raus, damit nur die feine Faser übrig bleibt. Für die Weiterverarbeitung ist eine Stapellänge von 5 bis 15 cm ideal. Kürzer lässt sich nur filzen, länger muss vorher geschnitten werden. (NEAFP; Alpacas of Montana; LFI-Broschüre 2020)
Pflege im Alltag
Weil kein Wollfett drin ist und die Faser Feuchtigkeit eher abgibt, ist Alpakawolle pflegeleichter, als man denkt. Lüften reicht oft schon, statt zu waschen. Wenn doch gewaschen wird, dann kühl, von Hand, mit Wollwaschmittel und ohne Wringen, denn nass ist die Faser empfindlich. Zum Trocknen flach hinlegen, nicht aufhängen, sonst zieht sich das Stück in die Länge.
Übrigens: Welche Farbe ein Vlies hat, sagt nichts über seine Feinheit aus. Beides wird unabhängig voneinander vererbt. Warum das so ist, steht im Beitrag Fellfarben bei Alpakas: Palette und Zuchtfallen.