Nachhaltigkeit
Wie nachhaltig ist Alpakawolle wirklich? Die ehrliche Ökobilanz
„Ist Alpakawolle nachhaltig?“ Auf Etiketten und in Shop-Texten lautet die Antwort fast immer ja, gern verpackt in Worte wie „nachhaltige Naturfaser“ oder „klimafreundlich“. Belegt wird das selten mit echten Zahlen. Ich habe zwei peer-reviewte Ökobilanz-Studien zur Alpakafaser durchgesehen. Sie beantworten die Frage nicht mit einem Werbesatz, sondern mit zwei sehr unterschiedlichen Blickwinkeln auf denselben Rohstoff, und genau darin liegt die Krux.
0,449 kg CO₂ – der Fußabdruck eines einzelnen Tragens
Eine Studie aus dem Jahr 2023, veröffentlicht im Fachjournal Science of the Total Environment, hat einen Pullover aus 100 Prozent peruanischer Alpakafaser über seinen gesamten Lebensweg untersucht, von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung. In der Ökobilanzierung heißt dieser Ansatz cradle-to-grave. Statt eines Werts pro Pullover haben die Autoren den Fußabdruck auf eine einzelne Nutzung heruntergerechnet: 0,449 kg CO₂-Äquivalente pro einmaligem Tragen. CO₂-Äquivalente sind die gängige Maßeinheit in Ökobilanzen: Verschiedene Treibhausgase wie Methan oder Lachgas werden darin auf ihre Klimawirkung im Vergleich zu CO₂ umgerechnet und zu einem Wert zusammengefasst.
Interessant ist die Verteilung. Mit 70 Prozent entfällt der mit Abstand größte Anteil auf die Fasergewinnung, also auf Zucht und Schur der Tiere. Die Distribution, also Transport und Vertrieb, macht 14 Prozent aus. Alle übrigen Phasen zusammen, von der Verarbeitung bis zur Entsorgung, kommen auf die restlichen 16 Prozent.
53 kg CO₂ pro Kilogramm Faser – der Blick vom Hof
Eine zweite Studie, 2022 von Gómez-Quispe und Kollegen im Fachjournal Tropical Animal Health and Production veröffentlicht, betrachtet nicht den fertigen Pullover, sondern ein extensives peruanisches Andensystem bis zum Hoftor, also cradle-to-farm-gate. Das Ergebnis: 53,0 kg CO₂-Äquivalente pro Kilogramm Faser, berechnet über eine biophysikalische Allokation. Das bedeutet: Die Emissionen werden nach biologischem Aufwand statt nach Marktpreis auf Faser und Fleisch verteilt. Bezogen auf das Lebendgewicht der Tiere sind das 22,6 kg pro Kilogramm.
Der größte Treiber ist hier nicht die Verarbeitung, sondern die Verdauung. Enterische Fermentation, also das Methan, das bei der mikrobiellen Verdauung von Raufutter im Magen der Tiere entsteht, macht 67 Prozent aus. Dazu kommen direkte und indirekte Lachgas-Emissionen mit 29 Prozent.
| Merkmal | Studie 2023 (Pullover) | Studie 2022 (Faser ab Hof) |
|---|---|---|
| Systemgrenze | cradle-to-grave | cradle-to-farm-gate |
| Funktionseinheit | ein Tragen des Pullovers | ein kg Rohfaser |
| Ergebnis | 0,449 kg CO₂-Äq | 53,0 kg CO₂-Äq (22,6 kg je kg Lebendgewicht) |
| Größter Einzeltreiber | Fasergewinnung, 70 % | Enterische Fermentation, 67 % |
Warum du die beiden Zahlen nicht gegeneinander rechnen darfst
Es ist verlockend, aus 0,449 kg und 53 kg irgendeine griffige Kennzahl zu basteln. Genau das solltest du lassen. Die beiden Studien messen unterschiedliche Dinge mit unterschiedlichen Systemgrenzen und Funktionseinheiten: einmal „ein Tragen eines fertigen Pullovers“ über dessen gesamten Lebensweg, einmal „ein Kilogramm Rohfaser“ bis zum Hoftor, bevor überhaupt gesponnen oder genäht wurde. Man kann die eine Zahl nicht durch die andere teilen oder zu ihr addieren und daraus einen globalen Durchschnittswert für Alpakawolle konstruieren.
Wichtig ist außerdem: Beide Zahlen stammen aus je einer einzelnen Studie zu peruanischen Systemen. Das ist kein Weltdurchschnitt für Alpakahaltung, und es sagt nichts darüber aus, wie ein Betrieb in Deutschland oder Australien abschneiden würde. Wer diese Einschränkung in einer Vergleichstabelle nicht findet, sollte skeptisch sein.
Was beide Studien trotzdem übereinstimmend zeigen
Trotz unterschiedlicher Systemgrenzen zeigen beide Studien dasselbe Muster: Der Löwenanteil der Emissionen entsteht auf dem Hof, nicht in der Spinnerei oder beim Versand. Bei der Pullover-Studie sind es 70 Prozent für die Fasergewinnung, bei der Farm-Gate-Studie 67 Prozent allein für das Verdauungs-Methan der Tiere. Verarbeitung und Logistik spielen jeweils eine untergeordnete Rolle.
Das deckt sich mit dem, was man von anderen tierischen Naturfasern kennt. Bei Schafwolle und Kaschmir liegt der Hebel ebenfalls beim Tier, nicht in der Fabrik. Wer die Ökobilanz einer Naturfaser verbessern will, muss also bei Haltung, Fütterung und Herdengröße ansetzen, nicht nur beim Spinnprozess.
Was (noch) nicht belegt ist
Zwei Behauptungen, die im Zusammenhang mit diesen Studien öfter kursieren, halten einer genaueren Prüfung nicht stand. Die erste: Es wird gern zugespitzt, rund 85 Prozent der Klimawirkung der Faserphase stammten allein aus dem Verdauungs-Methan der Tiere. Diese Zahl lässt sich aus der Pullover-Studie nicht ableiten. Belegbar ist nur die 67-Prozent-Methan-Dominanz aus der separaten Farm-Gate-Studie, nicht mehr und nicht weniger.
Die zweite offene Baustelle: Einen sauberen, methodisch einheitlichen Vergleich von Alpakafaser gegen Kaschmir, Merinowolle und synthetische Fasern, über Land, Wasser und CO2 gemeinsam, gibt es in der belastbaren Fachliteratur bislang nicht. Vergleichstabellen, die im Netz kursieren und Alpakawolle pauschal als klimafreundlicher als Kaschmir oder Polyester ausweisen, stützen sich in aller Regel nicht auf eine gemeinsame Methodik. Mit Vorsicht lesen.
Was das für dich bedeutet
Für die Umweltbilanz heißt das: Alpakawolle ist keine emissionsfreie Faser, auch wenn sie natürlich, biologisch abbaubar und frei von Mikroplastik ist. Ihr CO2-Fußabdruck entsteht überwiegend bei den Tieren selbst, ganz ähnlich wie bei Wolle oder Kaschmir. Wer nach der klimafreundlichsten Faser überhaupt sucht, findet dafür aktuell keine seriöse, methodisch saubere Antwort.
Für Züchter und Halter heißt das: Ehrliche Kommunikation schlägt jede unbelegte Marketing-Aussage. Statt mit „klimaneutral“ oder „nachhaltiger als X“ zu werben, was sich aus den vorliegenden Studien schlicht nicht ableiten lässt, lohnt sich der Verweis auf das, was tatsächlich zutrifft: extensive Weidehaltung, eine verantwortungsvoll geführte Herde und ein Endprodukt ohne synthetische Fasern.