Verhalten & Kognition
Wie intelligent sind Alpakas? Was Kognitionsforschung und Training zeigen
Alpakas wirken oft gelassen bis stur, und schnell entsteht der Eindruck, sie seien einfach gestrickt. Verhaltensstudien der letzten Jahre zeichnen ein anderes Bild. Bei Umwegaufgaben zeigen Alpakas eine Impulskontrolle, die andere Weidetiere nicht erreichen, Lamas lernen von Artgenossen und von Menschen, und einzelne Tiere lassen sich sogar an der Stimme unterscheiden. Wie weit diese Alpaka-Intelligenz reicht, was sie fürs Training bedeutet und wo die Therapie-Euphorie um die Tiere über die Studienlage hinausgeht, steht in diesem Artikel.
Die wichtigsten Studien auf einen Blick
Wer es eilig hat, findet hier die Kernbefunde. Danach gehe ich auf Training, Handling und die Therapie-Frage im Detail ein.
| Studie | Stichprobe | Kernbefund |
|---|---|---|
| A-not-B-Umwegtest | 51 Alpakas | Keine Perseverationsfehler, bessere Impulskontrolle als Hund, Pferd, Esel und Maultier |
| Beobachtungslernen | 30 Lamas | 7/10 lösen die Aufgabe nach Menschen-Demo, 6/10 nach Artgenossen-Demo, 2/10 ohne |
| Stimmerkennung | Klassifikator auf „Hums“ | 71 % korrekte Zuordnung zum richtigen Tier |
| Persönlichkeit | 44 Alpakas | Stabile individuelle Unterschiede, Weibchen reaktiver als Männchen |
Wie intelligent sind Alpakas? Der Umwegtest gibt eine Antwort
Der A-not-B-Test ist ein Klassiker der Kognitionsforschung. Ein Tier lernt zunächst, ein Ziel über einen bestimmten Umweg zu erreichen. Wird das Ziel dann sichtbar an eine neue Stelle verlegt, fallen viele Tiere in alte Muster zurück und laufen erst mal den eingeübten Weg weiter. Das nennt man Perseverationsfehler, ein Festhalten an Gewohntem, obwohl die aktuelle Information dagegenspricht.
In einem Test mit 51 Alpakas passierte genau das nicht. Kein einziges Tier zeigte einen Perseverationsfehler, während Hunde, Pferde, Esel und Maultiere im selben Testaufbau deutlich öfter an der alten Route hängen bleiben. Für die Frage, wie intelligent Alpakas wirklich sind, ist das ein starkes Signal: Die Tiere passen ihr Verhalten schnell an neue Information an, statt stur am Gewohnten festzuhalten. Genau das beschreibt man in der Verhaltensforschung als gute Impulskontrolle.
Lamas lernen von anderen: durch Beobachtung
Ob Tiere von anderen lernen, indem sie ihnen einfach zusehen, gehört zu den spannendsten Fragen der Verhaltensforschung. Bei Lamas wurde genau das getestet: 30 Tiere bekamen eine Umwegaufgabe gestellt, aufgeteilt in drei Gruppen. Die einen sahen zuvor einem Menschen zu, der die Aufgabe löste, die zweiten einem Artgenossen, die dritten bekamen gar keine Vorführung.
Das Ergebnis war deutlich. Nach der menschlichen Demonstration lösten 7 von 10 Lamas die Aufgabe, nach der Demonstration durch einen Artgenossen 6 von 10. Ohne jede Vorführung schafften es nur 2 von 10. Beobachtungslernen funktioniert bei Lamas also über beide Kanäle, vom Menschen genauso wie vom Artgenossen. Für die Lama-Intelligenz ist das einer der klarsten Belege, die bisher untersucht wurden.
Woran Alpakas einander erkennen: die Stimme
Alpakas kommunizieren viel über ein leises Summen, den sogenannten Hum. Bioakustische Analysen zeigen, dass dieses Summen individuelle Signaturen trägt, jedes Tier klingt für geschulte Ohren, und für Algorithmen, ein Stück anders. Ein Klassifikator, der ausschließlich Audiodaten auswertete, ordnete Rufe in 71 Prozent der Fälle korrekt dem richtigen Tier zu.
Alpakas können sich damit vermutlich gegenseitig an der Stimme erkennen, auch ohne Sichtkontakt. Für die Herde ist das keine Nebensächlichkeit, sondern ein Hinweis auf ein deutlich reicheres soziales System, als das ruhige Auftreten der Tiere zunächst vermuten lässt.
Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter
Wer mehrere Alpakas hält, merkt schnell: Es gibt die neugierigen und die zurückhaltenden, die entspannten und die schreckhaften. Das ist keine Einbildung. In einem Test mit 44 Alpakas zeigten sich stabile, individuelle Unterschiede im Verhalten. Weibchen reagierten im Schnitt reaktiver als Männchen, und 67 Prozent der Tiere zeigten bei einer kurzen Trennung von der Herde nur geringe Erregung.
Für die Praxis heißt das: Ein Trainingsansatz, der bei einem Tier sofort funktioniert, kann bei einem anderen viel länger dauern, unabhängig von Alter oder Erfahrung. Alpaka-Verhalten lässt sich nicht über einen Kamm scheren.
Alpakas trainieren: sanft statt Kraft
Alpakas und Lamas sind Flucht- und Distanztiere, keine geborenen Kuscheltiere. Schon kleine, ungewohnte Bewegungen oder Laute lassen sie auf Abstand gehen, und mit Methoden, die eigentlich für Hund oder Pferd entwickelt wurden, lernen sie nur langsam und widerwillig. Besonders ungern lassen sie sich am Kopf, an Nüstern, Augen und Ohren, und an den Beinen anfassen, weil genau diese Körperteile ihre Fluchtmöglichkeit sichern.
Gutes Training ahmt eher die Kommunikation in der Herde nach, wo Rangfragen über Halskämpfe oder Spucken geklärt werden, nicht über rohe Kraft. Fünf Grundbausteine gelten dabei als tragfähig:
- Aufmerksamkeit
- Vertrauen
- Respekt
- Klarheit
- Konstanz
Auf Leckerlis verzichtet man dabei bewusst. Handfütterung bringt die Rangordnung durcheinander und kann das Spuckverhalten sogar verstärken. Ein günstiges Zeitfenster gibt es auch: Im letzten Drittel des ersten Lebensjahres, wenn sich Jungtiere von der Mutter lösen, lernen sie besonders leicht, was praktischerweise auch das übliche Verkaufsalter ist. Wer dieses Fenster nutzt, kommt oft mit überschaubarem Aufwand zum Ziel: Eine Grundausbildung ist in rund drei Stunden machbar, verteilt auf mehrere Tage. Lamas gelten dabei generell als etwas leichter zu trainieren als Alpakas, weil sie über Jahrtausende auf ein ruhigeres Wesen selektiert wurden. Wachsen Alpakas in Gesellschaft von Lamas auf, lernen sie spürbar schneller, was von ihnen erwartet wird.
Jede Trainingseinheit sollte positiv enden. Klappt eine Übung nicht, geht man lieber einen Schritt zurück und schließt mit einer Aktion ab, die das Tier schon sicher beherrscht, losgelassen wird erst, wenn es sichtbar entspannt ist. Über die Körperhaltung lässt sich dabei viel steuern: Steht man auf Schulterhöhe links neben dem Tier, löst eine leichte Drehung nach links das Vorwärtsgehen aus, eine Drehung nach rechts das Zurückweichen. Falsches Halftern, etwa ein Griff ans Ohr oder das gewaltsame Fixieren durch mehrere Personen, kann dagegen bleibende Schäden hinterlassen, mit denen auch spätere Besitzer noch zu tun haben.
Clickertraining und der catch pen
Dass sanftes Training tatsächlich etwas bringt, zeigt eine Studie, die druckarme Trainingsmethoden direkt mit dem Handling-Alltag verglich. Tiere, die mit nicht-aversiven Methoden aus dem TTeam/Camelidynamics-System trainiert worden waren, ließen sich anschließend signifikant leichter führen. Umgekehrt hing eine negative Grundeinstellung der Halter, also Ungeduld oder Frust im Umgang, mit mehr Spucken, Treten und Beißen zusammen.
Das von Marty McGee Bennett entwickelte Camelidynamics-System setzt bewusst auf Kooperation statt Festhalten: Balance, Hebelwirkung und Wahlmöglichkeiten ersetzen rohe Kraft. Ein kleiner, überschaubarer Fangbereich, der catch pen, senkt zusätzlich den Stress. Beim Alpaka-Clickertraining geht das noch einen Schritt weiter: Die Tiere lernen, freiwillig in diesen Bereich zu laufen, weil sie ihn mit etwas Positivem verknüpfen, statt hineingetrieben zu werden.
Handling, das messbar Stress spart
Manche Routinen lassen sich nicht vermeiden, aber unterschiedlich gestalten. Die jährliche Schur zum Beispiel löst nachweislich Stress aus, messbar am Anstieg des Stresshormons Cortisol in Speichel und Kot. Wie genau festgehalten wird, macht dabei einen Unterschied: Ein Tier im Stehen zu fixieren, ist stressärmer, als es abzulegen oder auf einen Kipptisch zu bringen.
Für den Alltag heißt das: Die Methode zählt fast genauso wie die Häufigkeit. Wer beim Handling auf Ruhe, Wahlmöglichkeiten und wenig Zwang setzt, senkt den akuten Stress und macht das Tier beim nächsten Mal kooperativer.
Alpakas als Therapietiere: was die Studienlage wirklich hergibt
Kaum ein Thema wird so oft mit Alpakas verbunden wie tiergestützte Therapie, Bilder von Alpaka-Besuchen in Pflegeheimen oder Schulen kursieren entsprechend häufig. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist allerdings dünn. Im Kern existiert im Wesentlichen eine einzige ältere, peer-reviewte Studie, die bei Kindern mit Autismus mehr Sprachgebrauch und mehr soziale Interaktion während der Alpaka-Kontakte beobachtete. Belastbare Cortisol- oder Langzeitdaten, die einen echten therapeutischen Effekt bei Kameliden untermauern würden, fehlen bislang weitgehend.
Dazu kommt: Nicht jedes Tier eignet sich für diese Arbeit. Praxisangaben, die als anekdotisch einzuordnen sind, sprechen von nur etwa einem von 15 Lamas und einem von 75 Alpakas mit dem nötigen Selbstvertrauen und der Gelassenheit für den Kontakt mit fremden Menschen in ungewohnten Situationen. Wer Alpakas für therapeutische oder pädagogische Zwecke einsetzen will, sollte das mit realistischen Erwartungen tun, und mit dem Wissen, dass die Forschung hier noch am Anfang steht.