Verhalten & Kognition

Wie intelligent sind Alpakas? Was Kognitionsforschung und Training zeigen

Timm Quandt8 Min. Lesezeit

Alpakas wirken oft gelassen bis stur, und schnell entsteht der Eindruck, sie seien einfach gestrickt. Verhaltensstudien der letzten Jahre zeichnen ein anderes Bild. Bei Umwegaufgaben zeigen Alpakas eine Impulskontrolle, die andere Weidetiere nicht erreichen, Lamas lernen von Artgenossen und von Menschen, und einzelne Tiere lassen sich sogar an der Stimme unterscheiden. Wie weit diese Alpaka-Intelligenz reicht, was sie fürs Training bedeutet und wo die Therapie-Euphorie um die Tiere über die Studienlage hinausgeht, steht in diesem Artikel.

Die wichtigsten Studien auf einen Blick

Wer es eilig hat, findet hier die Kernbefunde. Danach gehe ich auf Training, Handling und die Therapie-Frage im Detail ein.

StudieStichprobeKernbefund
A-not-B-Umwegtest51 AlpakasKeine Perseverationsfehler, bessere Impulskontrolle als Hund, Pferd, Esel und Maultier
Beobachtungslernen30 Lamas7/10 lösen die Aufgabe nach Menschen-Demo, 6/10 nach Artgenossen-Demo, 2/10 ohne
StimmerkennungKlassifikator auf „Hums“71 % korrekte Zuordnung zum richtigen Tier
Persönlichkeit44 AlpakasStabile individuelle Unterschiede, Weibchen reaktiver als Männchen

Wie intelligent sind Alpakas? Der Umwegtest gibt eine Antwort

Der A-not-B-Test ist ein Klassiker der Kognitionsforschung. Ein Tier lernt zunächst, ein Ziel über einen bestimmten Umweg zu erreichen. Wird das Ziel dann sichtbar an eine neue Stelle verlegt, fallen viele Tiere in alte Muster zurück und laufen erst mal den eingeübten Weg weiter. Das nennt man Perseverationsfehler, ein Festhalten an Gewohntem, obwohl die aktuelle Information dagegenspricht.

In einem Test mit 51 Alpakas passierte genau das nicht. Kein einziges Tier zeigte einen Perseverationsfehler, während Hunde, Pferde, Esel und Maultiere im selben Testaufbau deutlich öfter an der alten Route hängen bleiben. Für die Frage, wie intelligent Alpakas wirklich sind, ist das ein starkes Signal: Die Tiere passen ihr Verhalten schnell an neue Information an, statt stur am Gewohnten festzuhalten. Genau das beschreibt man in der Verhaltensforschung als gute Impulskontrolle.

Lamas lernen von anderen: durch Beobachtung

Ob Tiere von anderen lernen, indem sie ihnen einfach zusehen, gehört zu den spannendsten Fragen der Verhaltensforschung. Bei Lamas wurde genau das getestet: 30 Tiere bekamen eine Umwegaufgabe gestellt, aufgeteilt in drei Gruppen. Die einen sahen zuvor einem Menschen zu, der die Aufgabe löste, die zweiten einem Artgenossen, die dritten bekamen gar keine Vorführung.

Das Ergebnis war deutlich. Nach der menschlichen Demonstration lösten 7 von 10 Lamas die Aufgabe, nach der Demonstration durch einen Artgenossen 6 von 10. Ohne jede Vorführung schafften es nur 2 von 10. Beobachtungslernen funktioniert bei Lamas also über beide Kanäle, vom Menschen genauso wie vom Artgenossen. Für die Lama-Intelligenz ist das einer der klarsten Belege, die bisher untersucht wurden.

Woran Alpakas einander erkennen: die Stimme

Alpakas kommunizieren viel über ein leises Summen, den sogenannten Hum. Bioakustische Analysen zeigen, dass dieses Summen individuelle Signaturen trägt, jedes Tier klingt für geschulte Ohren, und für Algorithmen, ein Stück anders. Ein Klassifikator, der ausschließlich Audiodaten auswertete, ordnete Rufe in 71 Prozent der Fälle korrekt dem richtigen Tier zu.

Alpakas können sich damit vermutlich gegenseitig an der Stimme erkennen, auch ohne Sichtkontakt. Für die Herde ist das keine Nebensächlichkeit, sondern ein Hinweis auf ein deutlich reicheres soziales System, als das ruhige Auftreten der Tiere zunächst vermuten lässt.

Jedes Tier hat seinen eigenen Charakter

Wer mehrere Alpakas hält, merkt schnell: Es gibt die neugierigen und die zurückhaltenden, die entspannten und die schreckhaften. Das ist keine Einbildung. In einem Test mit 44 Alpakas zeigten sich stabile, individuelle Unterschiede im Verhalten. Weibchen reagierten im Schnitt reaktiver als Männchen, und 67 Prozent der Tiere zeigten bei einer kurzen Trennung von der Herde nur geringe Erregung.

Für die Praxis heißt das: Ein Trainingsansatz, der bei einem Tier sofort funktioniert, kann bei einem anderen viel länger dauern, unabhängig von Alter oder Erfahrung. Alpaka-Verhalten lässt sich nicht über einen Kamm scheren.

Alpakas trainieren: sanft statt Kraft

Alpakas und Lamas sind Flucht- und Distanztiere, keine geborenen Kuscheltiere. Schon kleine, ungewohnte Bewegungen oder Laute lassen sie auf Abstand gehen, und mit Methoden, die eigentlich für Hund oder Pferd entwickelt wurden, lernen sie nur langsam und widerwillig. Besonders ungern lassen sie sich am Kopf, an Nüstern, Augen und Ohren, und an den Beinen anfassen, weil genau diese Körperteile ihre Fluchtmöglichkeit sichern.

Gutes Training ahmt eher die Kommunikation in der Herde nach, wo Rangfragen über Halskämpfe oder Spucken geklärt werden, nicht über rohe Kraft. Fünf Grundbausteine gelten dabei als tragfähig:

  • Aufmerksamkeit
  • Vertrauen
  • Respekt
  • Klarheit
  • Konstanz

Auf Leckerlis verzichtet man dabei bewusst. Handfütterung bringt die Rangordnung durcheinander und kann das Spuckverhalten sogar verstärken. Ein günstiges Zeitfenster gibt es auch: Im letzten Drittel des ersten Lebensjahres, wenn sich Jungtiere von der Mutter lösen, lernen sie besonders leicht, was praktischerweise auch das übliche Verkaufsalter ist. Wer dieses Fenster nutzt, kommt oft mit überschaubarem Aufwand zum Ziel: Eine Grundausbildung ist in rund drei Stunden machbar, verteilt auf mehrere Tage. Lamas gelten dabei generell als etwas leichter zu trainieren als Alpakas, weil sie über Jahrtausende auf ein ruhigeres Wesen selektiert wurden. Wachsen Alpakas in Gesellschaft von Lamas auf, lernen sie spürbar schneller, was von ihnen erwartet wird.

Jede Trainingseinheit sollte positiv enden. Klappt eine Übung nicht, geht man lieber einen Schritt zurück und schließt mit einer Aktion ab, die das Tier schon sicher beherrscht, losgelassen wird erst, wenn es sichtbar entspannt ist. Über die Körperhaltung lässt sich dabei viel steuern: Steht man auf Schulterhöhe links neben dem Tier, löst eine leichte Drehung nach links das Vorwärtsgehen aus, eine Drehung nach rechts das Zurückweichen. Falsches Halftern, etwa ein Griff ans Ohr oder das gewaltsame Fixieren durch mehrere Personen, kann dagegen bleibende Schäden hinterlassen, mit denen auch spätere Besitzer noch zu tun haben.

Clickertraining und der catch pen

Dass sanftes Training tatsächlich etwas bringt, zeigt eine Studie, die druckarme Trainingsmethoden direkt mit dem Handling-Alltag verglich. Tiere, die mit nicht-aversiven Methoden aus dem TTeam/Camelidynamics-System trainiert worden waren, ließen sich anschließend signifikant leichter führen. Umgekehrt hing eine negative Grundeinstellung der Halter, also Ungeduld oder Frust im Umgang, mit mehr Spucken, Treten und Beißen zusammen.

Das von Marty McGee Bennett entwickelte Camelidynamics-System setzt bewusst auf Kooperation statt Festhalten: Balance, Hebelwirkung und Wahlmöglichkeiten ersetzen rohe Kraft. Ein kleiner, überschaubarer Fangbereich, der catch pen, senkt zusätzlich den Stress. Beim Alpaka-Clickertraining geht das noch einen Schritt weiter: Die Tiere lernen, freiwillig in diesen Bereich zu laufen, weil sie ihn mit etwas Positivem verknüpfen, statt hineingetrieben zu werden.

Handling, das messbar Stress spart

Manche Routinen lassen sich nicht vermeiden, aber unterschiedlich gestalten. Die jährliche Schur zum Beispiel löst nachweislich Stress aus, messbar am Anstieg des Stresshormons Cortisol in Speichel und Kot. Wie genau festgehalten wird, macht dabei einen Unterschied: Ein Tier im Stehen zu fixieren, ist stressärmer, als es abzulegen oder auf einen Kipptisch zu bringen.

Für den Alltag heißt das: Die Methode zählt fast genauso wie die Häufigkeit. Wer beim Handling auf Ruhe, Wahlmöglichkeiten und wenig Zwang setzt, senkt den akuten Stress und macht das Tier beim nächsten Mal kooperativer.

Alpakas als Therapietiere: was die Studienlage wirklich hergibt

Kaum ein Thema wird so oft mit Alpakas verbunden wie tiergestützte Therapie, Bilder von Alpaka-Besuchen in Pflegeheimen oder Schulen kursieren entsprechend häufig. Die wissenschaftliche Grundlage dafür ist allerdings dünn. Im Kern existiert im Wesentlichen eine einzige ältere, peer-reviewte Studie, die bei Kindern mit Autismus mehr Sprachgebrauch und mehr soziale Interaktion während der Alpaka-Kontakte beobachtete. Belastbare Cortisol- oder Langzeitdaten, die einen echten therapeutischen Effekt bei Kameliden untermauern würden, fehlen bislang weitgehend.

Dazu kommt: Nicht jedes Tier eignet sich für diese Arbeit. Praxisangaben, die als anekdotisch einzuordnen sind, sprechen von nur etwa einem von 15 Lamas und einem von 75 Alpakas mit dem nötigen Selbstvertrauen und der Gelassenheit für den Kontakt mit fremden Menschen in ungewohnten Situationen. Wer Alpakas für therapeutische oder pädagogische Zwecke einsetzen will, sollte das mit realistischen Erwartungen tun, und mit dem Wissen, dass die Forschung hier noch am Anfang steht.

Häufige Fragen

Wie intelligent sind Alpakas im Vergleich zu anderen Tieren?
In einem A-not-B-Umwegtest mit 51 Alpakas zeigte kein einziges Tier einen Perseverationsfehler, also ein stures Festhalten an einer eingeübten, aber falsch gewordenen Route. Hunde, Pferde, Esel und Maultiere schneiden im selben Testaufbau deutlich schlechter ab. Das deutet auf eine ungewöhnlich gute Impulskontrolle bei Alpakas hin.
Können Lamas von Menschen lernen?
Ja. In einer Studie mit 30 Lamas lösten 7 von 10 Tieren eine Umwegaufgabe, nachdem ihnen zuvor ein Mensch die Lösung vorgeführt hatte. Nach der Vorführung durch einen Artgenossen waren es 6 von 10, ohne jede Demonstration nur 2 von 10. Lamas lernen also sowohl von Menschen als auch von anderen Lamas durch reine Beobachtung.
Wie erkennen sich Alpakas untereinander?
Unter anderem an der Stimme. Alpakas kommunizieren viel über ein leises Summen, den sogenannten Hum, der eine individuelle akustische Signatur trägt. Ein Klassifikator, der nur die Audiodaten auswertete, ordnete Rufe in 71 Prozent der Fälle korrekt dem richtigen Tier zu.
Wie trainiert man Alpakas richtig?
Am besten mit druckarmen, kooperativen Methoden statt mit Kraft, etwa nach dem Camelidynamics/TTEAM-System. Leckerlis sollte man vermeiden, weil Handfütterung die Rangordnung durcheinanderbringt. Ein kleiner Fangbereich (catch pen) und Clickertraining helfen dabei, dass Tiere freiwillig mitmachen, statt getrieben zu werden. Studien zeigen, dass so trainierte Tiere sich signifikant leichter führen lassen.
Eignen sich Alpakas für tiergestützte Therapie?
Die Studienlage dazu ist schwach. Im Wesentlichen existiert nur eine ältere Studie aus dem Jahr 2006, die bei Kindern mit Autismus mehr Sprachgebrauch und soziale Interaktion beobachtete. Belastbare Cortisol- oder Langzeitdaten fehlen weitgehend, und laut anekdotischen Praxisangaben eignet sich ohnehin nur etwa jedes 75. Alpaka und jedes 15. Lama für diese Arbeit.

Quellen

  1. Abramson et al., Animal Cognition (2018) — A-not-B-Umwegtest, Impulskontrolle bei 51 Alpakas
  2. Vasconcellos et al., Animal Cognition (2023) — Beobachtungslernen bei Lamas
  3. Windschnurer et al., Applied Animal Behaviour Science (2021) — druckarmes Handling und Training
  4. Individuelle Stimmerkennung anhand der „Hums“, Bioacoustics (2024)
  5. Sams, Fortney & Willenbring, American Journal of Occupational Therapy 60(3):268–274 (2006) — tiergestützte Ergotherapie bei Autismus
  6. Rappersberger, „Lamas und Alpakas — Haltung, Zucht und Nutzungsformen“, 3. Auflage, Ulmer Verlag (2018), ISBN 978-3-8001-0768-1