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Wachlamas: Wie Lamas Schaf- und Ziegenherden vor Raubtieren schützen

Timm Quandt7 Min. Lesezeit

Auf vielen amerikanischen Schaf- und Ziegenweiden steht neben der Herde ein einzelnes Lama. Kein Hund, kein Elektrozaun, nur ein großes, wachsames Tier. Das klingt zunächst nach einer Notlösung, ist aber seit den 1990er-Jahren wissenschaftlich untersucht. Wie gut Wachlamas Raubtiere tatsächlich fernhalten, gegen wen sie helfen und worauf es bei der Auswahl ankommt, steht in diesem Beitrag, inklusive eines ehrlichen Vergleichs zum Herdenschutzhund.

Was die Iowa-State-Studie zeigt

Die wichtigste Datenquelle zum Thema stammt von der Iowa State University. In einer Befragung aus dem Jahr 1990 bewerteten 80 Prozent der Halter ihre Wachlamas als wirksam. Noch aussagekräftiger ist der zweite Wert: Die durchschnittlichen Verluste durch Raubtiere sanken bei den befragten Betrieben von 22 auf 8 Prozent. Das ist keine anekdotische Einzelbeobachtung, sondern eine breit angelegte Erhebung unter Praktikern, die tatsächlich mit Wachlamas arbeiten.

Bemerkenswert ist dabei, dass ein einzelnes, unauffälliges Tier hier den Unterschied macht. Kein zusätzlicher Zaun, kein Nachtdienst, keine Technik, nur ein Lama, das zusammen mit den Schafen oder Ziegen auf derselben Weide steht und dort seinen natürlichen Instinkten folgt.

Wie zuverlässig ist der Schutz wirklich?

Innerhalb der Wachlama-Literatur wird der Effekt noch feiner aufgeschlüsselt, in drei Gruppen von Tieren.

WirkungAnteil der Wachlamas
Verluste vollständig verhindertüber 50 %
Verluste deutlich gesenktrund 40 bis 45 %
Kein messbarer Effektrund 5 bis 10 %

Bei der großen Mehrheit der eingesetzten Tiere lohnt sich der Aufwand also. Ein kleiner Rest von Lamas taugt nicht als Wächter, das ist bei jedem Tier mit eigenem Charakter so und lässt sich vorab kaum zuverlässig vorhersagen.

Gegen wen Wachlamas helfen, und gegen wen nicht

Wachlamas sind Spezialisten, keine Allzweckwaffe. Wirksam sind sie vor allem gegen Hundeartige, also Kojoten, Füchse und streunende Hunde. Das deckt einen Großteil der realen Übergriffe auf Kleinviehherden ab. Gegen große Raubtiere wie Bären oder Pumas sind Wachlamas dagegen wirkungslos, genauso gegen ganze Rudel. Ein einzelnes Lama, egal wie mutig, hat gegen mehrere koordinierte Angreifer oder ein deutlich größeres Raubtier keine Chance.

Für die Praxis heißt das: Wer weiß, dass in der eigenen Region vor allem Füchse, streunende Hunde oder, in Nordamerika, Kojoten das Problem sind, bekommt mit einem Wachlama einen soliden, günstigen Schutz. Wo größere Beutegreifer unterwegs sind, braucht es zusätzliche Maßnahmen, ein Lama allein reicht dann nicht.

So verteidigt ein Lama die Herde

Nähert sich ein Eindringling, reagiert ein gutes Wachlama in einer festen Abfolge. Zuerst kommt ein schriller Alarmruf, der oft mit einer rostigen Türangel verglichen wird und weit über die Weide trägt. Dann läuft das Tier direkt auf die Bedrohung zu, statt zu fliehen, und setzt Tritte, Bisse oder gezieltes Spucken ein. Am Ende positioniert es sich zwischen Eindringling und Herde und hält diese Stellung, bis die Gefahr vorbei ist. Das ist kein trainierter Trick, sondern eine Ausprägung des natürlichen Territorial- und Herdenverhaltens von Lamas.

Ungewöhnlich ist vor allem die Richtung, in die das Lama reagiert. Schafe und Ziegen sind Fluchttiere, sie laufen bei Gefahr auseinander. Ein Lama läuft stattdessen auf die Bedrohung zu. Genau dieser Unterschied im Verhalten macht es überhaupt erst zum Wächter und nicht nur zum Mitläufer in der Herde.

Ein Tier, kastriert: die richtige Konfiguration

Bei der Auswahl kommt es auf Details an, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Am besten bewährt sich ein einzelnes Lama pro Herde. Setzt man mehrere männliche Tiere gleichzeitig ein, binden sie sich aneinander statt an die Schafe oder Ziegen, und der Schutzeffekt verpufft fast vollständig.

Bewährt haben sich zwei Konfigurationen: ein kastriertes Männchen, also ein Wallach, ab etwa zwei Jahren, oder eine noch nicht gedeckte Stute, eine Maiden. Intakte Hengste gelten dagegen als gefährlich. Sie versuchen, Mutterschafe zu bespringen, und können sie dabei verletzen. Deshalb muss ein künftiges Wach-Lama schon Monate vor dem eigentlichen Einsatz kastriert werden, damit das Brutinteresse tatsächlich erlischt und nicht nur äußerlich unterdrückt wird. Neuere Beobachtungen deuten übrigens an, dass nicht gedeckte Weibchen die besten Wächter sein könnten, abschließend belegt ist das aber noch nicht.

Mehr zu Fachbegriffen wie Wallach, Maiden und Hengst und dazu, wie sich Lama und Alpaka sonst unterscheiden, steht im Beitrag Alpaka oder Lama? Die wichtigsten Unterschiede.

Lama oder Herdenschutzhund?

Der Herdenschutzhund ist die etablierte Alternative, und ein direkter Vergleich zeigt, wo die Grenzen des Wachlamas liegen. In einer Studie von Saitone und Kollegen aus dem Jahr 2020 senkten fünf Herdenschutzhunde auf einem Betrieb mit 500 Schafen die Verluste deutlich. Wirtschaftlich lohnte sich das trotzdem nicht: Über sieben Jahre gerechnet überstiegen die Kosten den Nutzen um 13.413 US-Dollar. Der große Vorteil der Hunde bleibt aber ihr breiteres Einsatzspektrum. Sie wirken auch gegen Bären und Pumas, wo das Lama machtlos ist.

In Mitteleuropa ist der Einsatz von Lamas als Herdenschutz noch jung. In Österreich etwa werden Lamas, seltener Alpakas, ergänzend zu Zaun und Herdenschutzhund eingesetzt, um Schafe und Geflügel zu schützen. Größe und Wachsamkeit halten viele Beutegreifer schon auf Abstand. Belastbare Langzeitdaten für den deutschsprachigen Raum gibt es dafür aber noch kaum, die Praxis wird derzeit wissenschaftlich begleitet.

Nebenbei: das Lama als Lasttier

Der Wachdienst ist nicht die einzige Arbeit, die ein Lama übernimmt. Klassisch ist es auch das Lasttier der Anden und trägt etwa 25 bis 30 Prozent seines Körpergewichts über 8 bis 13 Kilometer am Tag. Wachtier und Packtier schließen sich dabei nicht aus, beides sind Rollen, für die das robuste, selbstbewusste Wesen des Lamas gut passt.